„Wir ziehen die Aktion
gemeinsam durch 
oder gar nicht.“



(…) Es war kurz vor halb zehn, als sie im Schutz der Dunkelheit das Schulgelände betraten. Noch viel stärker spürten jetzt alle wieder diesen sonderbaren Mix aus Euphorie und Beklemmung – viel stärker als vor ein paar Tagen bei der letzten Lagebesprechung. „Hast du die Farbe dabei?“, fragte Martin. Timo hielt eine Blechdose hoch: „Purpurrot!“ – „Gut!“, meinte Martin nur. „Jakob? Was machen die Schlüssel?“ Jakob hob einen Schlüsselbund in eit, der leise klimperte. „Prima!“ Martin wollte forsch klingen, aber es saß ein dicker Kloß in seinem Hals. Sie gingen über den Lehrerparkplatz auf den Schulhof.

Es roch nach Humus und Rinde, denn erst heute war Herr Gerlings mit den letzten Anpflanzungen fertig geworden. Vor dem Schulgebäude war ein großes Podest mit Zeltdach aufgebaut. Hier würden morgen im offiziellen Teil die Reden geschwungen, hier sollte die Musikband spielen. Hinterher sollte es auf dieser Bühne noch einige Kleinkunstdarbietungen und Sketche geben. Auch ein Getränkewagen und eine Würstchenbude waren schon abgestellt worden, ferner viele Buden in der Art von Jahrmarktsständen. 

Hoch über der Podestbühne hörte man eine Kunststoffplane knattern. Nachdem Hausmeister Schmidt am Donnerstagnachmittag in stundenlanger Arbeit den Schriftzug EICHENPARK SCHULE angebracht hatte – „mit Schatteneffekt“ –, hatte er umgehend einen langen Streifen fester Folie darüber gespannt. Niemand sollte am Freitag das gelungene Werk sehen oder gar kommentieren. Erst am Samstag um Punkt elf Uhr sollte die Enthüllung regelrecht inszeniert werden – vor einer gutgelaunten Feiergesellschaft, vor Ehrengästen und Zeitungsleuten. Sogar ein Team des Regionalfernsehens hatte sich angekündigt. Er selbst, Schmidt, wollte dann persönlich die Enthüllung vornehmen und mit Hilfe eines langen Seiles die Kunststoffplane herab reißen. Es war eine Wissenschaft für sich gewesen, die Folie einerseits so fest anzubringen, dass sie nicht im Wind herumwehte, andererseits sie so zu befestigen, dass man sie ohne Probleme würde herunterziehen können. 

Die Jugendlichen hatten nach kurzer Diskussion entschieden, dass niemand Wachposten spielen musste. Sie wollten zusammenzubleiben. „Wir ziehen die Aktion gemeinsam durch oder gar nicht“, hatte Timo verkündet. Sie schlichen zum Kellereingang, der direkt in die Hausmeisterwerkstatt führte. Jakob schloss auf, und die Gruppe verschwand im Keller. Leise schloss Martin die Außentür wieder. Sie durchquerten vorsichtig die Hausmeisterwerkstatt. In einer Ecke standen noch die Kartons, in denen die Buchstaben für den Schulnamen angeliefert worden waren. Jetzt schloss Jakob mit einem anderen Schlüssel die Werkstatttür zum Flur hin auf, und alle huschten hinaus. Katharina knipste eine kleine Taschenlampe an, richtete rasch den Lichtstrahl auf den Gang, um den Wegverlauf zu erkennen. Dann löschte sie sofort wieder das Licht. Sie fanden das Treppenhaus und eilten hinauf bis zum dritten Stock. Hier war die Treppe zu Ende. Nur noch eine schmale Leiter führte hinauf zu einer Dachluke. Katharina leuchtete für einen kurzen Augenblick hinauf. „Die ist nicht verschlossen!“, flüsterte Timo. „Die zählt als Notausstieg.“ –  „Also los! Worauf warten wir noch?“, entgegnete Lena. Martin stieg als erster hoch, dann folgten Lena und Timo. Mit einem Ruck legte Martin den Riegel um, stieß die Kunststoffhaube über der Luke nach außen und klappte sie auf die Kiesabdeckung. Und schon schwang er sich sportlich hinaus und war in der Dunkelheit verschwunden. Dann tauchte sein Kopf wieder über der Luke auf. „Jetzt ihr!“, flüsterte er energisch durch die Luke hinunter. Auch Lena schlüpfte rasch aufs Dach hinaus, bei Timo war das etwas mühsamer. Schließlich folgten Katharina und Jakob. 

Als alle fünf oben auf dem Dach standen, verschnauften sie erst einmal. Es waren erst wenige Minuten vergangen, seit sie durch den Keller in die Schule gelangt waren. Vom Gefühl her war dies wie eine quälende Ewigkeit gewesen. Über ihnen bot der Sternenhimmel ein faszinierendes Bild. „Heute ist Frühlingsbeginn“, sagte Lena plötzlich. Es war in den vergangenen Tagen milder geworden. Konnte man der Wettervorhersage glauben, dann würde morgen das Schulfest bei strahlendem Sonnenschein stattfinden.

„Und es gibt Menschen, 
die nicht so denken.“



(…) „Guten Tag, Frau Obermayer. Ich bin Jule Meurer und bringe Ihnen von meinem Vater, dem Apotheker Meurer, die bestellten Flaschen Traubensaft.“ Jule hielt eine weiße Plastiktüte hoch. „Bitte schön, wo soll ich die hinstellen?“ – „Ach, danke, Jule. Bitte hier auf das Tischchen. Katharina, sei so gut und hol uns doch bitte drei Gläser.“ Katharina wunderte sich, dass Frau Obermayer jetzt gleich mit ihnen den Saft trinken wollte.  Vor allem aber freute sie sich, dass Frau Obermayer trotz ihrer offensichtlichen körperlichen Einschränkungen heute richtig lebendig wirkte. „Ihr habt doch beide etwas Zeit, oder etwa nicht?“ Jule wollte sich eigentlich schnell davonstehlen, aber irgendwie brachte sie es nicht übers Herz, Frau Obermayers Einladung abzulehnen. „So jugendlicher Besuch lässt mich für einen Moment meine alten Knochen vergessen.“

Alte Knochen! Mit einem verlegenen Lächeln schob Jule die zwei wuchtigen Sessel zu Frau Obermayer an den Tisch. Du bist hier nicht bei deinen scheintoten alten Säcken! –  so hatte Jule im Sommer einmal Katharina hinterher gerufen. Damals fand sich Jule sehr schlagfertig.  Und jetzt wurde sie freundlich bewirtet – von einem „alten Sack!“ Hier und jetzt, in Frau Obermayers Zimmer, fühlte sich Jule nicht mehr so selbstsicher. Vielleicht auch, weil die übrigen „Eckhart-Jünger“ nicht da waren. Katharina schenkte Traubensaft in die drei Gläser, und die beiden Mädchen nahmen Platz. „Jule, gehst du in die gleiche Klasse wie Katharina und Jakob?“ – „Nein, ich bin bei Martin und Lena. In der 10b.“ Frau Obermayer fuhr fort: „Bitte gib mir doch mal die Zettel, die auf meinem Nachttisch liegen. Das dürfte euch dann ja beide interessieren.“ Jule brachte Frau Obermayer die gewünschten Papiere. „Clemens August von Galen am 3. August 1941, Münster St. Lamberti“ – So war der Text überschrieben. „Wollen Sie uns jetzt etwa eine Predigt halten?“ Jule konnte es nicht lassen, doch mal wieder eine freche Bemerkung loszuwerden. Aber Frau Obermayer lächelte. „Ich – euch eine Predigt halten? Nein, aber ich würde gerne mit euch über eine Predigt sprechen. Und auch nicht über irgendeine Predigt, sondern über eine sehr wichtige und auch berühmte.“ Innerlich musste Katharina ein wenig schmunzeln. Frau Obermayer nahm wie selbstverständlich an, dass Jule sich so wie ihre Klassenkameraden Martin, Lena und Timo für den Bischof von Galen interessieren würde. Jule fühlte sich tatsächlich hin und her gerissen: in ihrer Clique fühlte sie sich sicher, wenn es darum ging, Einstellungen und Meinungen anderer zu zerreden und sich über sie lustig zu machen. Hier aber, im Zimmer von Frau Obermayer spürte sie, dass es gut war, mit der freundlichen alten Frau zu sprechen. Und auch fand sie es angenehm, dass Katharina sich ihr gegenüber so kameradschaftlich benahm. Sie war sogar ehrlich gespannt darauf, über was genau sich Frau Obermayer mit ihnen austauschen wollte. Da nimmt ein Erwachsener uns richtig ernst und will unsere Meinung hören. Cool!, dachte Jule.

„Also, hört mal zu.“ Frau Obermayer vertiefte sich in die Seiten, schaute dann aber noch mal auf. „Ach, da fällt mir noch was Wichtiges ein. Bestellt eurem Freund Jakob ein ganz herzliches Dankeschön dafür, dass er mir diese Seiten gebracht hat.“ Das starke Zittern von Frau Obermayers Händen ließ die Blätter laut rascheln. Das Zittern war heute so stark wie schon lange nicht mehr. Jule fragte sich gerade, wie denn Frau Obermayer die Textzeilen entziffern könnte. Da stand Katharina auf, nahm das dicke Kissen vom Bett und legte es Frau Obermayer in den Schoß. Mit einem dankbaren Blick platzierte die alte Frau nun die Zettel auf dieser Unterlage. „Als ich vor ein paar Tagen die drei berühmten Predigten von Clemens August von Galen gelesen habe, bin ich sehr nachdenklich geworden. Ich hatte schon viel von diesen Texten gehört. Ich wusste, dass Galen damals sehr mutig und deutlich gesprochen hat. Und auch hatte ich noch in Erinnerung, dass Mitschriften vervielfältigt und verteilt wurden. Die Geschwister Scholl wurden in ihrem Denken und auch Handeln von diesen Schriften beeinflusst.“ Frau Obermayer schaute ihre Besucherinnen nun direkt an. „Aber jetzt habe ich seine Worte zum ersten Mal selbst gelesen. Nach so vielen Jahrzehnten! Ein paar Sätze würde ich euch jetzt gerne vorlesen.“ Sie  rückte ihre Brille zurecht, dann begann sie mit relativ leiser Stimme zu lesen. „So müssen wir damit rechnen, dass die armen, wehrlosen Kranken über kurz oder lang umgebracht werden. Warum? Man urteilt: sie können nicht mehr Güter produzieren, sie sind wie eine alte Maschine, die nicht mehr läuft.  Was tut man mit solch alter Maschine? Sie wird verschrottet. Es handelt sich hier ja nicht um Maschinen.“ Frau Obermayer richtete sich etwas in ihrem Rollstuhl auf. „Hast du“, las sie weiter, doch dann schaute sie erst Jule und dann Katharina kurz an, bevor sie noch einmal ansetzte, „hast du, habe ich nur so lange das Recht zu leben, solange wir produktiv sind, solange wir von anderen als produktiv anerkannt werden?“

Frau Obermayer machte eine Pause, und Katharina war sich nicht sicher, ob sie noch weiter lesen wollte oder fertig war. Doch dann las Frau Obermayer mit brüchiger Stimme weiter: „Wenn man den Grundsatz aufstellt und anwendet, dass man den ‚unproduktiven’ Mitmenschen töten darf, dann wehe uns allen, wenn wir alt und altersschwach werden!“ Die letzten Worte konnte Frau Obermayer nur mit Mühe hervorbringen, sie war den Tränen nahe. Auch Katharina war sehr angerührt von diesen Sätzen und schaute vorsichtig zu Jule hinüber. Die saß völlig steif, mit verschränkten Armen in ihrem Sessel und blickte durch die Terrassentür nach draußen. Man hätte meinen können, sie habe von dem Vorgelesenen gar nichts mitbekommen. Frau Obermayer räusperte sich kurz und fuhr fort: „Wenn einmal zugegeben wird, dass Menschen das Recht haben, ‚unproduktive’ Mitmenschen zu töten – und wenn es jetzt zunächst auch nur arme wehrlose Geisteskranke trifft –, dann ist grundsätzlich der Mord an allen unproduktiven Menschen, also an den unheilbar Kranken, den arbeitsunfähigen Krüppeln, den Invaliden der Arbeit und des Krieges, dann ist der Mord an uns allen, wenn wir alt und altersschwach sind und damit unproduktiv werden, freigegeben. Dann ist keiner von uns seines Lebens mehr sicher.“ Umständlich holte Frau Obermayer ein Taschentuch aus dem Ärmel ihrer Strickjacke und putzte sich geräuschvoll die Nase.

Es herrschte Stille in dem kleinen gemütlichen Zimmer. Jule war die erste, die das Schweigen brach: „Ach, schon so spät!“ Mehr sagte sie nicht. Sie schaute auf ihre Armbanduhr, dann wieder hinaus in den Garten. Katharina reichte ihrer alten Freundin das Glas Traubensaft. Dankbar nahm Frau Obermayer es an. „Was sagt ihr über diese Worte?“ – „Sie machen mich sehr traurig“, antwortete Katharina, „vor allem, wenn ich daran denke, wie dieser Vergleich mit der alten kaputten Maschine für einen alten Menschen klingen muss. Es gibt ja wirklich heute noch – oder auch wieder – Menschen, die so ähnlich denken.“ Den letzten Satz hatte sie ganz leise gesprochen. „Und es gibt heute wie damals Menschen, die nicht so denken“, erwiderte Frau Obermayer. „Ihr beide etwa!“ Jule bekam einen roten Kopf. „Immer, wenn du mich besuchst, Katharina, merke ich, dass ich zwar zum alten Eisen gehöre. Galen würde sagen, dass ich eine alte Maschine bin. Aber ich merke, dass es auf andere Dinge ankommt, als allein auf Jugend und Kraft.“ Jetzt legte Frau Obermayer ihre zitternde Rechte auf Katharinas Hand, die noch auf ihrer linken Hand ruhte. Eine Weile schauten alle drei ohne zu sprechen aus dem Fenster. Es hatte wieder angefangen zu schneien. Kleine Flocken fielen aus dem grauen Himmel. Der Wind hatte nachgelassen. (…)

„Galen interessiert mich
 überhaupt nicht.“



Gekonnt bog Timo in die Einfahrt des elterlichen Gartenbaubetriebs ein. Mit einer Mischung aus Stolz und auch Traurigkeit las er jeden Tag das große Schild mit der Aufschrift „Gartenzauber – Landschaftsdesign – Robert Gerlings“. Stolz war Timo schon auf seine Eltern, die sich mit viel Fleiß und unternehmerischem Geschick von dem kleinen Gemüsebauern zu einem großen Gartenbauunternehmen hochgearbeitet hatten. Traurig und wütend machte ihn aber, dass seine Eltern nur noch den Betrieb im Kopf zu haben schienen. Besonders, wenn die Auftragslage mal wieder nicht so rosig aussah, war die Stimmung im Hause Gerlings kaum auszuhalten.

Mit einem leisen Seufzen bockte Timo seinen Motorroller vor der Haustür auf und beeilte sich in die Küche zu kommen. Der Duft, der ihn empfing, war viel versprechend: Bratwurst, Kartoffeln und Rotkohl. Seine Mutter stand am Herd und telefonierte. Diese Situation kannte Timo nur zu gut: immer zwei Sachen gleichzeitig erledigen – das war seine Mutter! Sie legte ihren Zeigefinger auf die Lippen. Alles klar; was Geschäftliches. Ich bin doch kein Baby mehr, dachte Timo zornig, ich quatsche schon nicht dazwischen. 

„Doch, natürlich, der Auftrag geht klar. Ich rufe Sie heute noch an, wenn ich mit meinem Mann die Einzelheiten besprochen habe. Bis dahin! Auf Wiederhören!“, beendete Frau Gerlings das Gespräch und notierte gleich darauf ein paar Dinge auf einem Notizblock. Dann schaute sie kurz zu ihrem Sohn auf. „Na, wie war´s in der Schule? Alles klar, oder?“ Ohne wirklich eine Antwort hören zu wollen, begann Frau Gerlings den Tisch zu decken. Gestresst blickte sie auf die Uhr. Das Essen sollte in wenigen Augenblicken auf dem Tisch stehen. Und richtig: um Punkt halb zwei kam Timos Vater in die Küche und nahm auf der rustikalen Eckbank Platz. Nach einem gemurmelten „Guten Appetit“ starteten die Gerlings mit dem Essen.

„In der Schule war es gut heute“, wollte Timo das Gespräch beginnen. „Stellt euch vor, wir planen eine Ausstellung im Museum.“ – „Was wollt ihr denn ausstellen?“, fragte Timos Vater, der kaum zugehört hatte und beim Essen die Notizen seiner Frau studierte. „Wie viel Quadratmeter Rollrasen sollen verlegt werden?“, fragte er sie. Frau Gerlings tippte genervt auf den Zettel. „Steht doch alles da!“, antwortete sie knapp. Dass ihr Sohn ihnen gerade etwas erzählen wollte, hatten beide ignoriert. „Falls es euch doch noch interessiert“, erzählte Timo einfach weiter, „wir sammeln Erinnerungsstücke aus dem Dritten Reich. Und ihr kommt bestimmt nicht drauf, was wir für einen tollen Fund gemacht haben.“ Timo machte eine kleine Pause, um seine Eltern neugierig zu machen. In aller Ruhe zerdrückte er eine Kartoffel in der Soße und aß genüsslich weiter. „Robert, wenn wir den Auftrag bekommen wollen, müssen wir noch ein paar Sachen besprechen. Dann kann ich den Kunden später noch mal anrufen.“ Timo konnte es kaum glauben – aber warum sollte es heute einmal anders sein? Seine Eltern wollten gar nicht wissen, was er zu erzählen hatte. Er schluckte, obwohl er gar nichts mehr im Mund hatte. „Wollt ihr nun was über die Ausstellung wissen? Oder hört ihr nur zu, wenn es um euren Betrieb geht?“ Beschämt sah Frau Gerlings ihren Sohn an: „Ich höre dir ja zu. Also was ist mit der Ausstellung?“ – „Stellt euch vor, wir haben von der alten Frau Obermayer eine Druckmaschine bekommen. Auf der haben die Mitglieder der Weißen Rose ihre Flugblätter gedruckt.“ –

„Weiße Rose, Rosa Alba.“ Da war Herr Gerlings sofort in seinem Element: „Die Alba-Rosen gehören zu den ältesten Rosenzüchtungen“ – „Nein, Papa! Ihr wisst doch – Widerstand im Dritten Reicht und so.“ Jetzt dämmerte es bei Timos Vater. „Da steckt doch sicher euer Geschichtslehrer dahinter, dieser Herr Hübner. Der hat ja schräge Ideen.“ Der Ärger in seiner Stimme war nicht zu überhören. „Was ist denn los? Wieso ärgert dich das so?“, wunderte sich Frau Gerlings. „Was mich ärgert? Ganz einfach. Ich habe doch von dieser schrecklichen Schulausschusssitzung erzählt. Unsereins muss jeden Tag strampeln, um Aufträge an Land zu ziehen. Und diese feinen Damen und Herren Pädagogen zerbrechen sich ihre studierten Köpfe darüber, ob man der Schule einen neuen Namen verpasst.“ Energisch hieb er mit seinem Messer in die Bratwurst auf seinem Teller. „Hübners Sorgen möchte ich mal haben! Ich persönlich werde jedenfalls zusehen, dass wir jetzt endlich den Auftrag bekommen. Da hätten wir einen echt dicken Fisch an der Angel: Die Begrünung der gesamten Außenanlage ...“ Herr Gerlings klang fast schwärmerisch. „Dann wären unsere Geldsorgen erst mal vom Tisch“, ergänzte seine Frau. Timo schaute seine Eltern fassungslos an. Was sollte er ihnen jetzt noch von der Ausstellung erzählen? Oder von seiner Begeisterung für Herrn Hübner – und von der Idee, nach Münster zu fahren? Timo nahm all seinen Mut zusammen und konterte: „Was weißt du schon über Herrn Hübner? So einen guten Lehrer gibt es an der Schule nicht noch mal.“ Er warf sein Besteck neben den Teller. „Und was passt dir nicht an der Idee, die Schule nach dem Bischof von Galen zu benennen?“ – „Von Galen interessiert mich überhaupt nicht“, fauchte sein Vater. „Die da oben sollen mal so langsam die wirklich wichtigen Entscheidungen treffen. Nämlich, dass wir endlich grünes Licht für den Auftrag bekommen.“

Frau Gerlings hatte sehr wohl mitbekommen, wie sehr Timo das nahe ging, was ihr Mann da eben von sich gegeben hatte. Versöhnlich fragte sie ihren Sohn: „Von Galen, war der nicht im Dritten Reich Bischof von Münster? Ich habe da mal in einer Reportage im Fernsehen was aufgeschnappt.“ Timos Gesicht hellte sich ein wenig auf. „Ja, er war Bischof von Münster und ist sofort nach Kriegsende zum Kardinal ernannt worden. Sein Grab ist in Münster im Dom.“ Jetzt oder nie!, dachte Timo. Und so erzählte er seinen Eltern, dass seine Freunde auf die Idee gekommen waren, mit ihrem Lehrer Hübner nach Münster zu fahren. Herr Gerlings, der soeben schweigend sein Mittagessen beendet hatte, meldete sich wieder zu Wort: „Ich glaub, ich höre nicht richtig! Gerade habe ich dir erklärt, was ich von diesen Hübner-Spinnereinen halte! Und du erzählst uns fröhlich, dass ihr Schüler diesen ganzen Quatsch noch vorantreiben wollt.“ Er schüttelte fassungslos den Kopf, und das war nicht gespielt. „Unglaublich! Ich kann es mir nicht leisten, dass mir am Ende der Auftrag doch noch durch die Lappen geht, nur weil ...“ Herr Gerlings schnappte nach Luft. „... weil mein Sohnemann sich mit dieser Galen-Idee in die Kommunalpolitik wirft! Die Stimmung im Schulausschuss war jetzt schon alles andere als entspannt.“ Timo wollte etwas erwidern, aber sein Vater war offensichtlich noch nicht fertig: „Ich erlaube dir nicht, bei dieser Tour mitzumachen. Ende der Diskussion.“ (…)

Und wir sollen uns auf so 
eine Art Schatzsuche machen?“



(…) „Also“, fing Katharina wieder an. „Frau Obermayer ist etwas ganz Wichtiges eingefallen, was sie noch besitzt, und das uns sicher interessieren würde.“ – „Mach es nicht so spannend“, sagte Martin. „Um was geht es denn?“ – „Das weiß ich doch auch nicht, Bruderherz!“, rief Katharina fast empört. „Wir sollen das selber herausfinden. Aber das Ding, um das es geht, würde supergut in die geplante Aktion passen.“ – „Hat Frau Obermayer ‚supergut’ gesagt?“, fragte Hübner amüsiert und zog an der Pfeife. Auch Katharina musste grinsen. „Nee, natürlich nicht!“ – „Und wir sollen uns auf so eine Art Schatzsuche machen?“, fragte Lena ungläubig

„So habe ich sie verstanden. Wir würden dann ein wichtiges Erinnerungsstück aus dem Dritten Reich finden. Und dann sollen wir selbst sehen, wie wir das in der Aktion im Januar unterbringen.“ Katharina kam plötzlich selbst alles ein bisschen merkwürdig vor, was sie der Gruppe auszurichten hatte. Lena hatte das Wort „Schatzsuche“ gebraucht. So ähnlich hatte sich doch schon heute Vormittag Schwester Inge im Franziskus-Heim ausgedrückt! Katharina fühlte einen Stich und spürte für einen Augenblick ein richtiges Angstgefühl: Was ist, wenn Schwester Inge mit ihrer lockeren Bemerkung ganz richtig lag? Wenn auch Frau Obermayer da irgendwas durcheinander brachte? 

Sie schreckte aus ihren Gedanken wieder auf, weil die ganze Runde sie schweigend ansah. Auch Herr Hübner hatte die Pfeife aus dem Mund genommen. „Äh, ja also ...“ Katharina war plötzlich die Lust vergangen, die ganze Angelegenheit spannend aufzuziehen. „Wir sollen den Dachboden absuchen.“ – „Oha! In exterritoriales Gebiet einmarschieren“, staunte Hübner. „Genau. Diesen Begriff von Ihnen kannte Frau Obermayer übrigens“, bestätigte Katharina. „Unter ihren Besitztümern auf dem Dachboden des Gartenhauses soll sich ein alter Reisekorb befinden.“ – „Och! Das war’s schon?“, fragte Timo enttäuscht. „Ich dachte, jetzt kommt so eine Art Geocaching, wo wir alle ausrücken müssen!“ – Natürlich wusste keiner, von welcher technischen Errungenschaft Timo jetzt wieder sprach. „Na, ich meine Schatzsuche per GPS“, erklärte er. „Wie Schnipseljagd, nur elektronisch.“ – „Klar! Frau Obermayer und GPS!“, meinte Martin etwas ungeduldig, aber alle mussten lachen. Obwohl auch Katharina mitlachte, konnte sie es nicht gut haben, dass über Frau Obermayer gelacht wurde. „Ich würde vorschlagen“, mischte sich Hübner ein, „dass wir jetzt einfach einmal dem Hinweis von Frau Obermayer nachgehen und den Dachboden absuchen. Dann werden wir den Reisekorb ja finden.“ – „Weiß einer von euch, wie ein Reisekorb aussieht?“, fragte Timo.

Der Reisekorb hatte einen Grundriss von ungefähr 90 cm Länge und 70 cm Breite, die Höhe betrug rund 60 cm. Er war gebaut wie eine Truhe, hatte also oben einen aufklappbaren Deckel. Abgesehen vom Boden, der eine stabile Holzplatte mit Kufen war, war er wie ein Korb geflochten. „Das sollte bei weiten Reisen wohl Gewicht sparen“, vermutete Hübner. „Dann stammt das Schätzchen noch aus der Postkutschenzeit?“, fragte Jakob. „Oder der Reisekorb war für Schiffsreisen gedacht“, vermutete Lena. Alle umstanden und begutachteten den Fund, den Wolfgang Hübner und Martin soeben auf dem Dachboden gemacht hatten. Vorsichtig war der Korb von ihnen aus der kleinen Giebelluke herausgereicht worden, wo Timo und Jakob, auf einer Leiter stehend, ihn entgegen genommen und langsam nach unten gelassen hatten. Dort hatten ihn Lena und Katharina übernommen und ihn auf dem Gras abgesetzt. Was so eingespielt aussah, hatte alle aus der Puste gebracht. Der zierlich aussehende Korbkoffer schien mit Ziegelsteinen gepackt zu sein, so schwer war er! „Damit haben wir uns heute Abend ein Extra-Kotelett verdient“, schnaufte Timo. „Los, macht schon auf!“, drängelte Katharina. Ein Vorhängeschloss besaß der Reisekorb nicht. In der dafür vorgesehenen Öse steckte nur ein schmaler Holzkeil. Aber der war mit aller Kraft eingetrieben worden, da bewegte sich gar nichts. Plötzlich war noch ein neugieriger Zuschauer erschienen. Merlin schnupperte aufgeregt am Korb und spürte, das hier etwas Spannendes vor sich ging. 

Hübner verschwand im Gartenhaus und kam kurze Zeit später mit einer größeren Zange zurück. Er setzte sie am Keil an und hebelte das Holzstück langsam aus der Öse. Martin klappte den Verschluss zurück. „Soll ich den Koffer öffnen?“, fragte er. Alle nickten. Langsam klappte Martin den Deckel hoch und schlug ihn vorsichtig zurück. Die geflochtenen Wände des Reisekorbs waren von innen mit rotem Wachstuch ausgeschlagen. Im Korb lag ein größeres Bündel, in einer grauen Wolldecke eingeschlagen und mit einem Ledergürtel verschnürt. Es wirkte gar nicht so groß wie erwartet. „Und das ist so schwer?“, wunderte sich Jakob. „Ich weiß zwar nicht, was für ein Schwergewicht da jahrelang über meinem Kopf gelagert war“, meinte Herr Hübner. „Aber wir sollten es nicht hier auf der Wiese auspacken. Bringen wir den ganzen Korb zur Veranda.“ Gesagt, getan; der Korb wurde zur Veranda gezogen. Dann fassten Timo, Martin und Jakob gleichzeitig das Bündel an. Mit einem Ruck hievten sie es aus dem Korb und hielten es für einen Augenblick einen knappen Meter hoch. Schnell zogen Lena und Katharina den Korb darunter weg, und die Jungen ließen das Bündel wieder herab und legten es auf die Bohlen der Veranda. „Auspacken!“, flüsterte Timo. Hübner löste die verrosteten Gürtelschnallen und schlug die Decke zurück. Ein modriger Geruch schlug allen entgegen. Unter der Wolldecke erschien ein weißes Leinentuch, wahrscheinlich ein ehemaliges Bettlaken. Hübner schlug auch das Laken zurück. Auf dem weißen Stoff stand jetzt ein schwarzes Metallgerät. So etwas hatte noch niemand gesehen. „Was ist das denn?“, staunte Jakob. „Eine Zeitmaschine!“, meinte Lena. „Quatsch“, entgegnete Martin. „Timo! Du bist doch unser Technik-Freak. Was denkst du darüber?“ Timo kratzte sich am Kopf. Dann las er laut den goldenen Schriftzug vor, der an der Seite des merkwürdigen Apparates aufgedruckt war. „Roto Hektograph. Zwick und Söhne. Augsburg“.

Jetzt dämmerte es bei allen! „Hektograph?“, fragte Lena ganz aufgeregt. „Von einem Hektographen hat uns doch Frau Obermayer erzählt, als wir sie interviewt haben.“ (…)

„Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, 
wie grauenvoll es ist, 
wenn ein ganzes Volk verängstigt 
und eingeschüchtert ist.“



(…) Frau Obermayer erzählte und erzählte. Wie Hitler weiterhin die Massen beeindruckte. Wie der Zweite Weltkrieg begann. Wie Hans und Sophie nach München gingen. Hans studierte Medizin, Sophie Philosophie. Diese Zeit hatte Frau Obermayer natürlich nicht mehr aus eigenem Erleben in Erinnerung. „Zwischendurch war Hans auch für einige Monate Soldat, erst in Frankreich, dann in Russland“, erzählte sie. Martin musste sich spontan an die blöde Bemerkung von Tobias im Geschichtsunterricht erinnern: Jeder Schuss ein Russ! „Wenn ihr euch genauer für den Krieg in Russland interessiert“, meinte Frau Obermayer, als ob sie Martins Gedanken gelesen hätte, „dann müsstet ihr einmal den Herrn Wilmer befragen.

Er wohnt seit einigen Wochen hier im Heim. Ich glaube, er wurde auch von Herrn Hübner wegen eines Interviews angesprochen.“ – „Stimmt“, bestätigte Timo. Dann kam Frau Obermayer wieder auf die Weiße Rose zu sprechen. Von den Aktionen der Weißen Rose in München hatte sie erst später erfahren. „Zusammen mit Hans und Sophie bildeten zunächst nur fünf Personen den eigentlichen Kern der Weißen Rose. Sie schrieben Parolen gegen Hitler auf die Häuserwände von München und verschickten anonym Hunderte von Flugblättern in ganz Deutschland. Dabei hatten sie einige weitere Helfer. Zu ihrem geheimen Kreis in München kam später noch einer ihrer Professoren hinzu. Mit dem haben sie leidenschaftlich politische und philosophische Fragen diskutiert.“ Frau Obermayer griff wieder langsam nach ihrem Glas. „Aber Einzelheiten darüber weiß ich natürlich nicht.“ – „In dem Buch von Inge Scholl über die Weiße Rose haben wir die Texte der Flugblätter gelesen“, bemerkte Martin. „Dann habt ihr ja auch gemerkt, aus welch großer innerer Not diese Texte entstanden sind“, sagte Frau Obermayer und stellte das Glas zurück auf den Tisch. „Besonders belastet hat die Geschwister Scholl und ihre Mitstudenten die Tatsache, dass man sich eigentlich nirgendwo frei austauschen konnte. Jede kritische Bemerkung konnte lebensgefährlich sein, besonders nachdem Hitlers Erfolge im Krieg nachließen.“ 

„Aber irgendwo müssen die Geschwister Scholl doch eine Anregung bekommen haben“, warf Lena ein. „Ich meine, wann war der Zeitpunkt gekommen, dass sie trotz aller Gefahr etwas unternehmen wollten?“ Frau Obermayers starre Gesichtszüge hellten sich ein wenig auf. „Das kann ich euch nun wieder ganz genau sagen!“, erklärte sie. „Denn das habe ich in Ulm miterlebt.“ Dann wandte sie sich an Katharina: „Kathi, sei so gut, und nimm das Kissen wieder weg.“ Katharina zog das Kissen von Frau Obermayers Rücken hervor, Frau Obermayer lehnte sich zurück in ihren Rollstuhl. „Es war irgendwann im Frühsommer 1942. Hans Scholl war von der Front zurück und verbrachte einige Tage zuhause. Dann wollte er wieder zum Studium nach München gehen. Ich meine, es war an einem Samstagvormittag, da bin ich mit meinem Bruder zum Haus der Familie Scholl gegangen. Wir hatten irgendwas gemeinsam in der Stadt zu erledigen. Und auf dem Heimweg wollte mein Bruder kurz bei Hans vorbeischauen und ihn begrüßen. Er verehrte Hans heiß und innig. Er hatte zu dem HJ-Fähnlein gehört, das Hans angeführt hatte.“ Frau Obermayer schaute mit gespielter Strenge in die Runde: „Ihr erinnert euch doch noch? Der Junge mit der Drachenfahne!“ Die Jugendlichen nickten. „Als Hans Scholl uns öffnete, war er allein zu Hause. Er war sehr aufgeregt, denn an diesem Morgen hatte er einen Brief im Briefkasten gefunden und geöffnet. Der Brief war ohne Absender.“ – „Und was war das für ein Brief?“, fragte Lena. „Ein eng beschriebenes Blatt, hektographiert.“ – „Bitte was?“, fragte Jakob. „Hektographiert“, wiederholte Frau Obermayer. Dann musste sie lächeln. „Wer hätte das gedacht, dass ich den jungen Leuten noch etwas Technisches erklären muss! Ein Hektograph war damals ein Druckapparat, den man in Behörden oder Schulen verwendete.“ – „So was wie ein Fotokopierer?“ – „Ja, so in der Art“, bestätigte Frau Obermayer. „Oder wie ein Scanner!“, meinte Timo. „Bitte was?“, fragte jetzt Frau Obermayer. Die ganze Runde musste spontan loslachen. Dann griffen sie alle fast gleichzeitig zu ihren Gläsern und tranken einen Schluck. „Bitte, schenkt euch nach“, forderte Frau Obermayer auf. Plötzlich tauchte Merlin in der Terrassentür wieder auf, angelockt von dem Gelächter. Neugierig schaute er ins Zimmer. „Du kannst noch weiter im Garten spielen“, ermunterte ihn Jakob. „Wir bleiben noch etwas hier.“ Als habe er jedes Wort verstanden, drehte sich Merlin wieder um und verschwand in Richtung der Franziskus-Skulptur. 

„Und was war denn so besonderes an diesem hektographierten Blatt, das Hans Scholl im Briefkasten fand?“, fragte Lena gespannt. Frau Obermayer trank immer noch, wodurch sich die Spannung steigerte. „Es war die Abschrift einer Galen-Predigt“, antwortete sie  schließlich. „Galen-Predigt?“, wiederholte Timo. „Ja. Galen war damals ein katholischer Bischof, der offen gegen Hitler protestierte. Er prangerte öffentlich die Beschlagnahmung von Klöstern an. Er predigte gegen die Ermordung von Behinderten oder die ideologische Vergiftung der Jugend. Seine mutigen Predigten wurden zu Tausenden abgeschrieben und heimlich in ganz Deutschland verbreitet. Das war lebensgefährlich, wenn man dabei erwischt wurde.“ Ihre Stimme wurde leise. „Ihr könnt euch  gar nicht vorstellen, wie grauenvoll es ist, wenn in einer Diktatur ein ganzes Volk verängstigt und eingeschüchtert ist.“ 

„Und Hans Scholl?“, fragte Martin. Frau Obermayer räusperte sich. „Ja, jetzt bin ich abgeschweift. Wie gesagt, Hans hatte so eine abgeschriebene Galen-Predigt in den Händen, als mein Bruder und ich bei ihm vorbeischauten. Er nahm kaum Notiz von uns. Immer wieder las er den Text durch. Es machte ihn übrigens nicht im geringsten nervös, dass mein Bruder und ich anwesend waren. Ich höre noch, wie er vor sich hin murmelt: ‚Endlich hat einer den Mut, zu sprechen!’ Und dann sagte er: ‚Man sollte einen Vervielfältigungsapparat haben.’“ Frau Obermayer blickte zu Lena. „So, Lena, jetzt weißt du die Antwort, wie die Weiße Rose auf die Idee kam, selbst Flugblätter zu entwerfen und zu verbreiten.“ (…)

„Wer hat sich mal informiert, 
was ‚oral history’ bedeutet?“



(…) „Ich wollte ja heute mit euch die Einzelheiten zu unserem Interview-Projekt besprechen“, begann er. „Wer hat sich mal informiert, was ‚oral history’ bedeutet?“ Wenn Hübner englische Worte aussprach, klang das irgendwie schüchtern. Dabei bemühte er sich um eine amerikanische Aussprache. „Olle Hysterie?“ hatte Jule letzte Woche laut in die Klasse hineingerufen, und Hübner hatte ganz verlegen geguckt. „Nun, was meint der Begriff?“, fragte Hübner. Schweigen.

Schließlich meldete sich Lena: „Mündliche Überlieferung“. „Genau!“, nickte Hübner. „Und wer kann das näher erläutern?“ – „Ich hab da mal im Internet nachgeschaut“, meldete sich Tina und faltete ein Blatt auseinander. „Prima!“ sagte Hübner. „Lass hören.“ Tina strich das Blatt gerade und las ihren Internetausdruck vor:  „Oral History ist eine Methode der Geschichtswissenschaft, die auf der Befragung von Zeitzeugen basiert. Dabei sollen die Zeitzeugen möglichst wenig vom Historiker beeinflusst werden. Nicht nur, aber gerade Personen aus der Unterschicht sollen auf diese Weise ihre Lebenswelt und Sichtweisen für die Nachwelt darstellen können.“ Tina blickte auf. „Das war’s?“ fragte Hübner. Sie nickte. „Gut“, meinte Hübner und stand auf. Er schrieb mit großen Buchstaben ORAL HISTORY auf die Tafel und klopfte mit dem Zeigefinger daneben. „Das ist für die nächsten Wochen unser Thema.“ – „Sind wir etwa aus der Unterschicht?“ fragte Tobias mit gespielter Empörung. Ein paar Lacher blieben verhalten. „Wäre das schlimm?“ fragte Hübner lächelnd. Dann fuhr er fort: „Nein, im Ernst. Ihr sollt euch auf die Suche nach Zeitzeugen machen und sie befragen.“ 

Sein Blick wanderte durch die Klasse. „Ihr wisst, dass in diesem Halbjahr das Dritte Reich auf dem Lehrplan steht.“ Hübner schaute jetzt zum Fenster. „Es gibt viele Quellen aus dem Dritten Reich, aus denen die Geschichtsforscher schöpfen können. Welche sind das beispielsweise? Tina?“ – „Etwa Urkunden und Akten von Behörden.“ – „Gut. Was noch?“ – Timo meldete sich: „Alte Filme oder Wochenschauberichte.“ – „Richtig.“ – Hendrik zeigte auf: „Alte Briefe oder Tagebücher.“ – „Sehr gut!“, sagte Hübner. „Alles gute Beispiele. Aber warum muss man mit diesen Informationsquellen kritisch umgehen?“ – „Weil sie gefälscht sein könnten!“, meinte Tobias. „Oder weil sie nur die Sichtweise der Machthaber ausdrücken“, ergänzte Martin. „Und als Kritiker des Regimes konnte man kaum frei in Briefen schreiben, was man dachte“, sagte Tina. „Gut auf den Punkt gebracht“, lobte Hübner. „Deshalb will ‚oral history’ eine Ergänzung der vorhandenen Geschichtsquellen sein. Für euch heißt das, dass ihr in der nächsten Zeit Menschen interviewen sollt, die aus eigener Anschauung erzählen sollen, was sie noch aus dem Dritten Reich wissen. Oder noch besser: Was sie selbst erlebt haben“. – „Dann müssen wir uns aber beeilen“, grinste Jule. „Die sind doch schon bald hundert“. Hübner blieb ernst. „Na ja, nicht ganz. Aber um die achtzig und älter sind die Herrschaften schon, denen ihr einen Besuch abstatten werdet.“ – „Mich ziehen keine zehn Pferde in so eine Knacker-Absteige!“ rief  Jule. „Knacker-Absteige?“, fragte Hübner. „Na ja, ich meine ...“, druckste Jule herum. „Ich meine Altenheime. Ich gehe halt nicht so gern in Altenheime.“ – „Dann könntest du ja einen alten Menschen zu dir nach Hause einladen“, entgegnete Hübner. Seine Stimme klang plötzlich zornig, auch wenn er weiter ruhig und leise sprach. Dann wandte er sich wieder der Klasse zu. „Ihr werdet tatsächlich mit dem einen oder anderen alten Menschen Kontakt aufnehmen und einen oder mehrere Gesprächstermine ansetzen“, erklärte Hübner. „Je nachdem, wie auskunftsfreudig euer Gesprächspartner ist.“ – „Und worüber sollen wir sprechen?“, fragte Timo. Hübner lächelte: „Ihr sollt vor allem zuhören und die alten Leute erzählen lassen“, meinte er. „Na gut“, sagte Timo, „aber worüber werden die denn sprechen?“ – „Ich habe schon einige Themen zusammengestellt und einige alte Leute angefragt, ob sie als Zeitzeugen Auskunft geben.“ – „Also dürfen wir die Themen nicht selbst aussuchen?“, erkundigte sich Tobias. „Doch, auch“, meinte Hübner. „Wer eigene Ideen hat und auch passende Zeitzeugen findet, kann sich mit mir besprechen und dann seine Interviewaktion mit seinem eigenen Thema durchziehen.“ Sofort steckten Tobias und Hendrik die Köpfe zusammen und beratschlagten. „Hey, entspannt euch!“, rief Hübner fröhlich in ihre Richtung. „Hört doch erst mal zu, was ich so im Angebot habe.“ Alle in der Klasse waren plötzlich ganz aufmerksam, als ob Noten verlesen würden. Hübner setzte sich wieder ans Pult, holte einen Schnellhefter aus der Aktentasche und schlug ihn auf. (…)

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